Der Name der Krankheit „Poliomyelitis" leitet sich wörtlich aus dem Griechischen ab und bedeutet „das graue Rückenmark". Bei dieser Infektionskrankheit dringt der Erreger, ein Darmvirus, primär in die graue Substanz des Rückenmarks sowie in die motorischen Kerne des Hirnstamms ein.
Die Poliomyelitis wird auch als Heine-Medin-Krankheit, Kinderlähmung oder epidemische Kinderlähmung bezeichnet. Wie der Name nahelegt, gehören vor allem Kinder bis zum siebten Lebensjahr zur Risikogruppe. Eine im Jugendalter auftretende Erkrankung führt in der Regel zu einer erheblichen Verschlechterung der Lebensqualität, da eine der schwersten Komplikationen die Infektion des Zentralnervensystems mit der Entwicklung von Lähmungen ist.
In einigen Fällen verläuft die Erkrankung asymptomatisch oder subklinisch. Der Mensch kann ein Virus-Träger sein und das Virus über Fäkalien sowie Nasensekret in die Umwelt ausscheiden, ohne selbst Symptome zu entwickeln. Aufgrund der hohen Anfälligkeit für Poliomyelitis kommt es jedoch schnell zu einer Ausbreitung unter der Kinderbevölkerung.
Obwohl angenommen wird, dass Poliomyelitis eine Krankheit ist, die vor allem Menschen betrifft, die unter hygienisch ungünstigen Bedingungen leben, treten Epidemien unabhängig vom Hygienezustand häufig an Orten auf, wo die Bevölkerung keine Immunität gegen diese schwere Erkrankung besitzt. Die saisonale Häufigkeit zeigt sich darin, dass das Morbiditätsmaximum in der Sommer- und Herbstperiode liegt.
Zwischen dem Beginn der Infektion und dem Auftreten der Krankheitssymptome vergehen durchschnittlich 7 bis 12 Tage. Der Virus gelangt über den alimentären Weg (Nahrung) in den menschlichen Organismus, meist durch verschmutztes Wasser oder Nahrungsmittel. Er besiedelt zunächst den Gastrointestinaltrakt und dringt erst sekundär ins Blut ein. Die Poliomyelitis kann sowohl in einer leichten als auch in einer schweren Form verlaufen.
Je nach Lokalisation des Prozesses und der Möglichkeit einer Lähmung wird die Poliomyelitis in zwei Formen unterteilt, die sich jeweils in spezifische Unterformen gliedern:
Die nichtparalytische Form. Diese Variante tritt am häufigsten auf.
- Abortiv: In diesem Verlauf ähnelt die Erkrankung einer akuten respiratorischen Infektion oder Influenza. Der Patient klagt über eine Verschlechterung des Allgemeinbefindens, Schwäche, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Fieber. Gelegentlich treten geringfügige Darmstörungen, Rachenhyperämie sowie katarrhalische Erscheinungen der oberen Atemwege auf. Die Genesung erfolgt innerhalb von 3 bis 5 Tagen.
- Meningeal: Der Virus befällt die serösen Hüllen des Gehirns; daher verläuft diese Form als seröse Meningitis. Zu den charakteristischsten Symptomen gehören Fieber, Erbrechen sowie heftige Kopf- und Nackenschmerzen. Die meningealen Symptome, insbesondere die Nackensteifigkeit (Rigor), sind nur gering ausgeprägt. Der Krankheitsverlauf ist meist spurlos und dauert 3 bis 4 Wochen.
- Paralytische Form: Entwickelt sich selten, führt aber in der Regel zu Funktionsstörungen vieler Organe und damit zur Behinderung.
- Spinalform: Schwäche und Schmerzen in den Muskeln werden von der Lähmung, wie allgemein üblich, sowie teilweise allmählich ersetzt. Die Muskelinfektion kann bei dieser Form der Poliomyelitis symmetrisch sein; jedoch tritt die Lähmung isolierter Muskelgruppen im gesamten Rumpf auf.
- Bulbärform: Das Risiko dieser Poliomyelitis-Form besteht in der Entwicklung einer Lähmung der Atmungsorgane, was bei schweren Fällen zum Tod führen kann.
- Pontine Form: Für diese Form der Poliomyelitis ist die Entwicklung von Paresen und Lähmungen des Gesichtsnervs charakteristisch; dabei kommt es zu einem Teil- oder vollständigen Verlust mimischer Bewegungen.
- Gemischte Form: Für diese Variante der Poliomyelitis ist eine Kombination aller Symptome der paralytischen Typen charakteristisch.
Bisher gibt es keine spezifische Therapie gegen die Poliomyelitis. Der Kampf gegen diese Krankheit erfolgt durch symptomatische Maßnahmen unter stationären Bedingungen. Zur Prophylaxe von Komplikationen in den vorparalytischen und paralytischen Stadien wird dem Patienten absolute Bettruhe auferlegt. Zudem werden zu diesem Zeitpunkt entzündungshemmende und schmerzstillende Präparate sowie Vitamine und Beruhigungsmittel eingesetzt. Bei Lähmungen der Atmungsorgane wird ein Beatmungsgerät angeschlossen.
Im Verlauf der Genesung kommen neben der medikamentösen Therapie Physiotherapie, Massage und Heilsport zum Einsatz; zudem wird die Konsultation eines Orthopäden empfohlen. Dem Patienten mit Poliomyelitis wird im Folgenden eine regelmäßige Kurbehandlung vorgeschlagen.
Die wirksamste Prophylaxe gegen das Auftreten von Poliomyelitis sowie deren Komplikationen ist die Impfung. Durch sie wird eine lebenslange Immunität gegenüber den drei Hauptviren etabliert, die diese Krankheit verursachen.
Die Impfungen gegen Poliomyelitis beginnen im Alter von drei Monaten; dabei kommen orale sowie inaktivierte Impfstoffe zum Einsatz. Für den ersten Fall erfolgt die Verabreichung oral, für den zweiten Fall durch Injektionen.
Bis zum sechsten Monat erhält das Kind insgesamt drei Dosen des spezifischen Impfstoffs. Zur Aufrechterhaltung eines zufriedenstellenden Immunstatus wird eine Revakzinierung durchgeführt. Die Zeitintervalle für weitere Impfungen hängen von ihrer Form ab: Der orale Impfstoff wird im Alter von 18 und 20 Monaten sowie später alle vier bis fünf Jahre verabreicht, während die Auffrischimpfung mit dem inaktivierten Impfstoff ein Jahr nach der Erstimpfung erfolgt und danach alle fünf bis zehn Jahre wiederholt wird.
Die gleichzeitige Verabreichung von Impfstoffen gegen Tetanus (AT), Diphtherie (DT) und Poliomyelitis (OP) ist zulässig; dabei müssen jedoch verschiedene Spritzen und unterschiedliche Injektionsstellen verwendet werden.
Insgesamt wird die Impfung gegen Poliomyelitis gut vertragen. Lediglich in einigen Fällen können lokale Reaktionen wie Schmerzen an der Einstichstelle, leichte Rötungen, moderate Fieberanstiege sowie geringe Indurationen auftreten. Bei der oralen Gabe des Impfstoffs können zudem Bauchschmerzen, flüssiger Stuhl und allgemeines Unwohlsein entstehen; diese Symptome klingen jedoch rasch ab und erfordern keine spezielle Behandlung.
Es ist unerwünscht, auf die Durchführung von Impfungen gegen Poliomyelitis zu verzichten, da auch nach einer Impfung das Risiko für Komplikationen und Ansteckung besteht. Man sollte bedenken, dass selbst wenn ein Kind an Poliomyelitis erkrankt, der Verlauf gemäß dem Impfkalender deutlich weniger schwerwiegend ist und schwere Folgen wie Lähmungen seltener auftreten als bei ungeschützten Personen.
Im Bemühen um die Genesung von Patienten überschätzen Ärzte das Risiko häufig: So hat beispielsweise der Chirurg Charles Jensen zwischen 1954 und 1994 mehr als 900 Operationen zur Entfernung von Tumoren durchgeführt, obwohl dies nicht notwendig war.
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