Das Tourette-Syndrom ist eine neuropsychische Störung, bei der Betroffene unwillkürliche Bewegungen ausführen oder unkontrollierte Töne von sich geben. Obwohl sie die Wirkung dieser Handlungen bewusst wahrnehmen, sind sie nicht in der Lage, sie zu kontrollieren. Diese unwillkürlichen Bewegungen werden als Tic bezeichnet.
Das Tourette-Syndrom tritt häufig genug auf; etwa 0,05 % der Bevölkerung sind betroffen. Am häufigsten wird das Syndrom bei Kindern im Alter von zwei bis fünf Jahren diagnostiziert, gefolgt von einem Anstieg im Teenageralter zwischen 13 und 17 oder 18 Jahren.
Jungen erkranken dreimal häufiger an Tourette-Syndrom als Mädchen.
Ärzte gehen davon aus, dass die Hauptursache des Tourette-Syndroms eine genetische Veranlagung ist. Es ist bestätigt, dass das Syndrom oder andere neurologische Erkrankungen, die von Tic-Bewegungen begleitet werden, häufig bei Verwandten in der ersten und zweiten Linie des Patienten auftreten. Das Tourette-Syndrom kann sich auch nach der Einnahme bestimmter Medikamente, beispielsweise Neuroleptika, entwickeln. Einige Experten halten zudem mögliche Autoimmunprozesse für eine Ursache, doch es liegen bisher keine Beweise für diese Theorie vor.
In der Regel treten die ersten Symptome des Tourette-Syndroms bei Kindern im frühen Alter, etwa zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr, auf. Eltern bemerken Seltsamkeiten im Verhalten: Zuckungen, auffällige wiederholte Bewegungen. Dazu gehören Grimassen schneiden, das Zuzwinkern, Augenbrauenzucken, Händeklatschen, Hüpfen sowie häufiges Zwinkern. Manchmal manifestiert sich das Syndrom auch durch das wiederholte Aussprechen verschiedener Klänge: Stöhnen, Knurren, Glucksen, vielfache Wiederholungen derselben Wörter und Phrasen (Echolalie – die Wiederholung von Phrasen hinter jemandem), im älteren Alter Koprolalgie – das Ausstoßen von Schimpfwörtern. Die Betroffenen sind sich dabei der Effekte bewusst, bewerten sie als abnormal, können diese jedoch nicht kontrollieren.
Patienten mit dem Tourette-Syndrom verspüren häufig den Drang zur Ausführung von Stimmimpulsen; manchmal gelingt es ihnen jedoch nicht, diese vollständig zu unterdrücken. Ähnliche unkontrollierbare Effekte führten im Mittelalter zu der Vermutung, dass in den Menschen der Teufel wohnhaft sei, da die Patienten die Attacken oft als gewaltsam anregende Ereignisse beschreiben, die außerhalb ihres Willens liegen.
Das Tourette-Syndrom kann wellenförmig verlaufen: In einigen Fällen wechseln sich Perioden der Verschärfung mit häufigen Stimmimpulsen ab, während in anderen Fällen die Erscheinungsformen der Krankheit dauerhaft sind. Es wird eine Abhängigkeit vom Alter beobachtet: In der überwiegenden Mehrheit der Fälle beruhigt sich die Erkrankung nach der Pubertät und zeigt sich nur hin und wieder, insbesondere bei emotionaler Instabilität, durch Stimmimpulse, die meist schwach ausgeprägt sind. Daher tritt das Tourette-Syndrom bei Kindern häufiger auf als bei Erwachsenen.
Beim Tourette-Syndrom ist die intellektuelle und psychische Entwicklung des Kindes nicht beeinträchtigt; es besteht lediglich ein psychologisches Problem im Umgang mit Altersgenossen, wenn das Kind den Unterschied zu anderen nicht versteht und sich minderwertig fühlt, zurückgezogen wird und an Depression leidet. Anders verhält es sich bei Kindern ohne Störung: Sie unterscheiden sich in nichts von ihren Altersgenossen und sind ebenso wie diese fähig, große Erfolge anzustreben, was durch das Vorhandensein des Tourette-Syndroms bei vielen bekannten Persönlichkeiten bestätigt wird.
Die Diagnose des Tourette-Syndroms erfolgt aufgrund des charakteristischen Krankheitsbildes nach einer Beobachtungszeit von mindestens einem Jahr. Bei der ersten Vorstellung führen Neurologen zwingend eine Untersuchung durch, um organische Hirninfektionen – beispielsweise infolge eines Tumors – auszuschließen. Beim Tourette-Syndrom werden in der Regel keine Abweichungen festgestellt; nur in wenigen Prozent der Fälle zeigen sich Auffälligkeiten im Bereich der Basalganglien des Gehirns.
Obwohl die Symptome der Erkrankung seit langem bekannt sind und früher als Besessenheit durch Teufel gedeutet wurden, wurde das Tourette-Syndrom erst 1885 wissenschaftlich beschrieben; systematische Behandlungsversuche begannen jedoch erst Ende des 20. Jahrhunderts.
Es gibt keine spezifische Behandlung für das Tourette-Syndrom. Die Anwendung pharmakologischer Präparate ist meist unerwünscht, insbesondere bei langfristiger Einnahme, da die Nebenwirkungen oft schwerwiegender sind als der therapeutische Nutzen. Üblicherweise wird eine Pharmakotherapie nur während akuter Zustände zur Unterdrückung der Symptome eingesetzt; hierfür werden Antipsychotika sowie sedierende Präparate verwendet.
Eine Hauptmethode der Behandlung des Tourette-Syndroms bei Kindern ist die Psychotherapie, die darauf abzielt, das Gefühl von Minderwertigkeit zu überwinden und das Kind darin zu unterstützen, sich angemessen zur Erkrankung zu verhalten, ohne sein Leben davon abhängig zu machen. Diese Therapie ist trotz ihrer scheinbaren Sekundarität sehr wichtig, da Kinder, die sich einfacher mit der Krankheit auseinandersetzen und ungeachtet ihrer Symptome den Umgang mit Altersgenossen pflegen sowie am normalen Leben teilnehmen, deutlich seltener unter Symptomen leiden. Zudem ermöglicht die Psychotherapie dem Kind, pathologische Aktivität durch Umleitung in ein mehr anstehendes Flussbett zu dämpfen.
Bei der Behandlung des Tourette-Syndroms werden zunehmend spielerische Methoden eingesetzt: speziell entwickelte Spiele, Tiergeste (Animalotherapie), Skatotherapie sowie Kunsttherapie und weitere Ansätze. Diese Verfahren fördern die soziale Integration des Kindes und beugen dem Auftreten weiterer psychischer Komplikationen vor. Positive Effekte zeigen zudem moderate sportliche Aktivitäten sowie das Spielen von Musikinstrumenten, insbesondere Blasinstrumenten.
Es wurden chirurgische Eingriffe sowie direkte elektrische Stimulation zur Behandlung des Tourette-Syndroms erprobt; diese zeigten zwar in Einzelfällen Erfolg, fanden jedoch keine breite Anwendung aufgrund der hohen Gefahr einer Schädigung lebenswichtiger Hirnzentren.
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